Gewaltprävention: "Niki zeigt Gefühle"


Als wir vor einigen Jahren in unserem Kindergarten immer wieder verbale und tätliche Übergriffe feststellen mussten und sich auch durch Gespräche mit den Kindern und den Eltern nichts veränderte, suchten wir nach einer grundsätzlichen Veränderung in unserem Alltag, nach einem Präventionsprogramm, das alle Kinder einbinden sollte.

Es gibt fertige Programme, die u.a. von der Landesregierung durch Fortbildungen und Material gefördert werden. Uns waren diese Programme zu aufwendig, zumal sie täglich in den Gruppen behandelt werden sollen. Unsere Befürchtung war, dass sich diese Programme „abnutzen“ und auf Dauer nur halbherzig vermittelt würde. Wir suchten nach einem Programm, das für unser Haus gut ist, womit sich das Team identifizieren kann.

Ziel ist es, dass die Kinder kommunikative und interaktive Kompetenzen erwerben, sodass sie sich in angespannten Situationen angemessen verhalten können und über die eigenen Gefühle, Eigen- und Fremdwahrnehmung empathiefähig werden.

Das Projekt wird in jedem Jahr zeitgleich in allen Gruppen für 6 bis 8 Wochen durchgeführt. Voraussetzung für den Erfolg ist eine tägliche Abstimmung unter den Kolleginnen, um bestimmte Entwicklungen oder Fragen in den einzelnen Gruppen zu berücksichtigen, etwas zu intensivieren oder wegzulassen. So ist gewährleistet, dass inhaltlich alle Kinder im ganzen Haus „auf einem Wissensstand“ sind.

Jedes Kind, das drei Jahre den Kindergarten besucht, erlebt drei Mal das „Niki-Projekt“ in den individuell unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Ein 3-jähriges Kind nimmt das Angebot natürlich anders wahr, als ein Vorschulkind. Durch die Wiederholungen wird das Thema immer wieder erinnert und auf die vorhergehende Stufe aufgebaut. Uns ist wichtig, dass alle Regeln, die erarbeitet werden, für alle Kinder im Haus Gültigkeit haben.

Methodisch wird in unserem Projekt viel über Wahrnehmung gearbeitet. Unterstützt wird dieses durch Lieder, Geschichten und Bastelarbeiten. Durch Fantasiereisen und pantomimische Übungen, soll den Kindern verdeutlicht werden, dass jedes Kind täglich negative Erlebnisse hat und welche Möglichkeiten des Umgangs es damit gibt.

"Stopp-Hand"

Das zeigt sich ganz praktisch. So ist ein wichtiges Instrument, mit dem wir arbeiten, die "Stopp-Hand", die im ganzen Haus gebraucht wird. Jedes Kind, das etwas nicht will, das sich bedrängt fühlt o.ä, hebt die Hand und sagt ganz laut: "Halt stopp, das will ich nicht!"

Diese Methode der Abwehr fällt nicht allen Kindern leicht. Es kostet sie Mut offensiv zu reagieren. Darum üben diese Kinder zunächst in Rollenspielen und später in der Praxis mit einer "gebastelten Hand". Sie werden dabei ermutigt, ihr Gegenüber anzuschauen und deutlich und laut "Halt stopp, das will ich nicht!" zu sagen. Im Laufe der Zeit heben sie ihre eigene Hand und "stoppen" andere Kinder.

Diese Methode der Abwehr und der Klärung beobachten wir bei Kindern im Haus, die noch nicht am „Niki-Projekt“ teilgenommen haben. Eltern berichten uns sogar, dass diese Methode im ganzen Ort verwendet wird, nicht nur von Kindern, die den Kindergarten besuchen oder besuchten! Das werten wir natürlich als vollen Erfolg!

"Elo", der Elefant


Da verbale Provokationen häufig Anlass für emotionalen Stress sind, findet der Umgang damit eine besondere Bedeutung. Die Elefanten-Handpuppe „Elo“ besucht die Gruppe regelmäßig, um mit den Kindern über eigene Erfahrungen ins Gespräch zu kommen.

"Elo" ist mittlerweile "cool" geworden und hat sich eine "dicke Haut" zugelegt, um sich nicht ärgern zu lassen.


Diese Aussage wird in einem Lied über "Elo" unterstützt. Die "dicke" Haut können Kinder fühlen, wenn sie in einer Gruppenarbeit einen Elefanten aus Lederresten kleben. Im nächsten Schritt wird verdeutlicht, dass auch die Kinder sich eine dicke Haut zulegen können.  

Sprache

Im Rahmen des Projektes werden „Gefühlswörter“ eingeführt, die dann natürlich aktiv gebraucht werden müssen. In diesem Bereich sind wir, aber auch die Eltern gefragt. Ein bewusster Umgang mit der Sprache ist nötig, denn je differenzierter Kinder im Gefühlsbereich denken und sich ausdrücken können, desto weniger „muss die Faust sprechen“!

Wir mussten feststellen, dass die Kinder nur wenige Wörter/Begriffe für Gefühle haben. Wichtig ist, dass die Kinder im Rollenspiel ein Gefühl empfinden. In einem Spiegel können sie beobachten,  wie sie in dieser Situation aussehen und den entsprechenden Begriff dafür lernen. Gleichzeitig beobachten sie andere Menschen, um auch hier den Gesichts- und Körperausdruck wahrzunehmen. 

Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung

Mit Hilfe von Gesichtern (Smilys), die auf Pappscheiben unterschiedliche Gefühle darstellen und Wäscheklammern, werden die Kinder aufgefordert sich täglich ihrer eigenen Befindlichkeit bewusst zu werden, die Befindlichkeit anderer zu berücksichtigen und das eigene Verhalten darauf einzustellen.

In Bewegungs- und Paarspielen werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede festgestellt, die der Selbstbestätigung und Identitätsentwicklung dienen.

Der Gruppenvertrag


Regeln, die im Laufe des Projektes festgelegt wurden, werden als Abschluss in einem Gruppenvertrag von den Vorschulkindern aus jeder Gruppe zusammengefasst und durch Malen und Kopien aus z.B. Bilderbüchern dokumentiert.

Diese Kinder stellen den Vertrag dann in der eigenen Gruppe vor. Durch die eigene Unterschrift oder einen Daumenabdruck, zeigt sich jedes Kind mit diesem Vertrag einverstanden. Zur Erinnerung wird dieser an jede Gruppenraumtür gehängt.

Andacht

Einmal monatlich findet in unserer Kindertagesstätte mit allen Kindern eine Andacht statt. Zum Abschluss des "Niki-Projektes" wird dieses in der Andacht thematisiert. Die Themen "Sozialer Umgang, Rücksichtnahme, Konflikt und der Umgang mit Konflikten, Helfen" werden durch Puppenspiel oder im Gespräch mit den Kindern reflektiert.

Setting

In den letzten Jahrzehnten gab es gravierende Veränderungen in der Gesellschaft, die massiv das Leben in den Familien veränderte. Als Beispiele sei genannt, dass es selbstverständlich ist, dass beide Eltern berufstätig sind und dass das Rollenverständnis sich veränderte. Es fällt Eltern schwer ihre Rollen angemessen auszufüllen. Sie sind verunsichert.

Vielen Eltern fällt es schwer bei ihren Kindern Regeln einzufordern und Strukturen zu schaffen. Ihnen ist nicht bewusst, dass sie in ihrem Verhalten und in ihrer Sprache als Vorbild für die Kinder dienen. Es fällt auf, dass ein unangemessenes Verhalten  kleiner Kinder  sowohl von Eltern als Großeltern belächelt wird oder als "niedlich" angesehen wird. Die Kinder werden in ihrer Person auf der einen Seite nicht ernst genommen, auf der anderen Seite versuchen Eltern Entscheidungsfindungen  an die Kinder abzugeben und die Kinder damit zu überfordern.

Aus diesem Grund bieten wir seit mehreren Jahren in Kooperation mit dem Kinderschutzbund den Elternkurs "Starke Eltern – starke Kinder" an. Dieser Kurs will Eltern in dem Verhalten gegenüber ihren Kindern stärken, um ihre Kinder "stark für das Leben" zu machen.

Bevor das "Niki-Projekt" beginnt, bekommen die Eltern eine umfangreiche Beschreibung, sodass sie sich während der Zeit mit ihren Kindern darüber austauschen können. In der Zeit, in der  das "Niki - Projektes" angeboten wird, findet jedes Jahr ein Elternabend statt. Diesen nutzen wir, um am Anfang Übungen aus dem "Niki-Projekt" zu probieren und demonstrieren und auf die Vorbildfunktion im verbalen Bereich, wie im Verhalten hinzu weisen. Somit bekommen auch die Eltern in jedem Jahr mehr "erlebten Einblick" in das Projekt.

Während alle Kinder in jedem Jahr an dem "Niki-Projekt" teilnehmen, findet für die Vorschulkinder zusätzlich ein Selbstbehauptungstraining zu Beginn des letzten Jahres in der Kindertagesstätte statt. Dieser Kurs wird von einer externen Kraft angeboten, die den Kindern später in der Schule zu ähnlichen Themen wieder begegnet. Zusätzlich wird an einem Samstag ein Eltern -Kind -Training zum Thema Selbstbehauptung angeboten.

Abschluss

Insgesamt ist zu sagen, dass dieses Projekt eine Bereicherung für den Alltag in unserem Kindergarten ist. Jedes Jahr, findet in den Wochen, in denen das Projekt bearbeitet wird, eine sehr intensive Auseinandersetzung mit den Regeln des Hauses und mit dem sozialen Umgang statt. In der übrigen Zeit können sich alle  immer wieder auf das Projekt beziehen. Der sichtbare Gruppenvertrag ist dafür eine Hilfe.

Wir hoffen, dass die Kindern den Umgang mit der „Stopp-Hand“ so verinnerlichen, dass sie diese mit in ihre Jugend- und Erwachsenenzeit nehmen und laut und deutlich „Halt stopp, das will ich nicht“ rufen, wenn es darum geht Minderheiten auszugrenzen oder, wenn ihnen Drogen angeboten werden.